Henk Vink im Kletterzentrum

Am 25. November berichtet Henk Vink von seinen Erlebnissen in den Bergen.

Henk Vink ist schon seit langer Zeit Mitglied in unserer Sektion Siegerland. Als erster Niederländer hat er alle 82 Viertausender der Alpen erfolgreich bestiegen. Am 25. November 2017 kommt er ins Kletterzentrum und berichtet uns von seinen erlebnisreichen Touren. 

Der Eintritt der Veranstaltung ist frei. Henk freut sich jedoch über eine Spende für die Kindernothilfe.

 

Anbei ein Bericht über die Besteigung des letzten Viertausenders:

Tschüss, pass gut auf!“ Kuss. „Jo, du auch! Ich schreib ab und zu was. Mach's gut!“ Viele Male verabschiedete ich mich so von Hilde. Auf dem Weg zum 82. Viertausender. Das Erstaunlichste ist vielleicht, sie lässt mich immer wieder gehen - ist ganz locker und hofft dass nichts passiert. Sie bleibt allein zurück. Ich frage mich immer wieder, wie sie das macht. Ich kneife schon, wenn sie mit den beiden Kindern in einem Flieger sitzt und eine Woche Urlaub irgendwo macht. Hoffentlich landet der Flieger wie geplant und so weiter… Vertrauen?

In Kronau ist das Bergsteiger-Treffen, Thomas aus Nürnberg und ich und fahren bis Fionnay in Val de Bagnes. Ein Parkplatz, eine Matte, ein warmer Schlafsack und Sterne wenn ich nach oben schaue. Am nächsten Morgen gibt es noch ein Mini-Frühstück mit Kaffee, die Dorfkneipe hat schon auf! Wir schultern die Skier, unten müssen wir sie tragen. 1980 war ich zum ersten Mal auf einem 4.000-er, das Breithorn natürlich. Danach mit einem holländischen Jugendfreund auf vielen Gipfeln, mit Hilde auf dem Dom. Da war der Schweizer Franken noch für 66 Pfennig zu haben und die Schweiz super günstig. Habe ich alles im Rucksack: zwei Eisgeräte, Steigeisen, Seil, Harscheisen? Diesmal bin ich extra pingelig! Bloß nichts vergessen oder Unsinn machen beim letzten 4.000er.

Vorher haben wir abgesprochen, dass wir es genau so angehen wie immer und auch genau so umkehren werden wie immer, wenn es nötig sein sollte. Die Berge laufen nicht weg. Wir wollen nicht „auf Biegen und Brechen“ unsere Gipfelsammlung voll machen, aber auch nicht bei 81 stecken bleiben, denn im Hinterkopf surrt natürlich der Plan, erst Grand Combin, der uns beiden noch fehlt (zumindest nur der Nebengipfel Tsessette) und dann als Zugabe Dufourspitze, Lyskamm und Castor, damit Thomas auch die 82 komplett hat.

Auf halbem Weg zu Panossierehütte legen wir Steigfelle an. Das Wetter ist gut, es bleibt für drei Tage kalt und schön, allerdings mit Wind. Über den Sommerweg erreichen wir die große Mulde unterhalb der Hütte und von dort nach fünf Stunden die Hütte. Der Hüttenwirt lacht als wir auf seine Frage nach unserem Ziel Grand Combin antworten. Nicht gut, viel Blankeis, nichts mit Skifahren. Könnt ihr das? Das wussten wir schon alles und lassen ihn reden. Sonntag, 03.30 Uhr aufstehen. Das gleiche wie immer. Frühstück rein würgen, viel Trinken, auch Kaffee und um kurz nach vier geht es los. Kalt, sternenklar. Der Grand Combin glänzt im Mondlicht, vor uns ist eine wirklich großartige Kulisse. Wir gehen langsam, denn wir sind auf knapp 2.000 Höhenmeter, es ist nicht gespurt. Selfie vor der Hütte. Alles in Allem werden wir wohl 14 Stunden brauchen. Nach vier Stunden stehen wir unter der Nordwestflanke und sehen 200 m knüppelhartes Blankeis über uns. Also Ski auf den Rucksack, Seil weg und Eisgeräte raus. Wir pickeln uns hoch, das Eis ist wirklich hart und spröde und wir müssen öfter nachschlagen weil die Schollen absplittern. Steil ist es nicht, ca. 40 Grad. Oben wird es steiler, und im Couloir du Gardien (so heißt der Ausstieg) ist es deutlich steiler, aber hier gibt es guten Firn und das Steigen macht Spaß. Wir sind froh über zwei Eisgeräte. Auf dem Hochplateau seilen wir uns an und können auf Ski über die großen Querspalten zum Valsoreygipfel aufsteigen. Mit Klaus und Klaus stand ich vor 20 Jahren auch da oben. Damals stiegen wir von der Valsoreyhütte über den Meitingrat hoch. Um 23.30 Uhr trudelten wir in die Panossierehütte ein, nach einem abenteuerlichen Abstieg über die NW-Flanke und den spaltenreichen Corbassieregletscher im Dunkeln. Heute werden wir rechtzeitig zum Abendessen zurück sein.

Wir steigen noch auf den Hauptgipfel, im Kopf merke ich die Höhe. Es ist immer noch sehr kalt, und wir fahren gleich zur Mur de la Cote ab, der den Übergang zu Corridor und Tsessette darstellt. Wieder Skier auf dem Rucksack und über 100 m ausgesetztes Blankeis absteigen. Auch geschafft, jetzt sind es nur noch 1,5 km horizontales Gehen zum meinem letzten 4.000er. Die Skier noch mal runter, stiefeln wir über den Rücken zum höchsten Punkt. Ich denke, wo ist das Empfangskomitee, wo die Journalisten, keine Nationalhymne, kein Twitter oder Facebook! Ein Schneebuckel, unscheinbar, und Wind von allen Seiten. Es ist eisig kalt und wir machen schnell die obligatorischen Bilder mit der „Topflagge“. Ja, ja, ich soll der erste Niederländer sein der alle 82 4.000er geschafft hat. Laut der NKBV, de nederlandse koninklijke bergsportvereniging.

Ich glaube es eigentlich immer noch nicht. So wahnsinnig schwer war es nun auch wieder nicht. Man braucht gute Freunde, viel Geduld, ausreichend Urlaub und einen Schutzengel, der auch nicht bei der x-ten Torheit seinen Auftrag vernachlässigt. Erfahrung kommt von alleine, sie entsteht dann, wenn einem ein Fehler nicht zum Verhängnis wird. Jetzt bloß sauber herunter fahren, den Corridor, jene berüchtigte Eisschlagzone schnell passieren. Das wäre ja eine Schlagzeile. Holländer nach Besteigung von seinem letzten 4.000er von Eisschlag erschlagen. Gedanklich grinse ich. Was man nicht alles denkt auf so einer Tour. Ich kann es wieder wegdrücken. Der Corridor ist wirklich imposant, aber hier aufsteigen würde ich auch nicht für eine Million. Bei der Abfahrt sind wir nur einige Minuten in der Eisschlagzone und das ist vertretbar. Um 16:30 Uhr legen wir die Felle zum letzten Aufstieg zur Hütte an. Am Abend fühlt es sich doch ein wenig anders an.

Es gibt einige Gratulationen. Auch von Westfalenpost-Heiko. Manchmal ist ein Handy auch schön. Hilde ist erleichtert und froh. Frederike und Wiebke (meine Kinder) freuen sich. Die Freunde auch, Markus gratuliert.

Am Montag steigen wir auf den Tournelon Blanc und fahren dann durch eine 1.000 m Rinne ins Tal. Die Tour ist schön. Nach drei Schlecht-Wetter-Tagen gehen wir nochmal in die Vollen, machen die Dufourspitze bei minus 23 Grad und 40 cm Neuschnee. Danach Lyskamm Ost und West und zum Schluss Thomas 82. Castor.

Nach drei Tagen sitzen wir um 21:00 Uhr bei “McDoof“ in Zermatt. Geschafft!

Epilog: Thomas Pablitschko aus Nürnberg lernte ich während der Ausbildung zum Skihochtourenführer kennen. Seit 2000 treffen wir uns jedes Jahr in Kronau und fahren in die Alpen. Bis Bern bleibt dann Zeit den Plan zu präzisieren und welche Gipfel gemacht werden sollen. Nach der gelungenen Überschreitung des kompletten Peutereygrates in 2011 entstand die Idee alle 4.000er in den Alpen zu machen. Diese Idee bildete die Basis für unsere weiteren Urlaube und im April 2017 konnten wir beide unseren letzten Gipfel „abknipsen“.

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